1

Er fuhr mit der Fingerspitze über ihre geschlossenen Augenlider. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.

Perfekt.

Die Haare.

Das Kleid.

Die nackten Füße.

Die Pose.

Ein Meisterwerk.

 

2

Flaming June.

Ambers Kehle zog sich zusammen. Sie versuchte zu schlucken, doch ihr Mund war wie ausgetrocknet.

Sie konnte den Blick nicht von dem Foto lösen.

Von dem leichenblassen Gesicht, das sich an den linken Oberarm schmiegte, der eigenartig eingeroll­ten Körperhaltung, dem einen sichtbaren bloßen Fuß, dem langen Haar.

Von dem hell leuchtenden, leicht transparenten orangenen Stoff des Kleides.

Als sie das Foto schließlich beiseitelegte und nach ihrem Wasserglas griff, zitterte ihre Hand.

»Was ist?«

Amber nahm einen Schluck, dann sah sie Chris an. »Kann ich bitte noch einmal das andere Foto sehen? Die Totalaufnahme meine ich.«

Chris reichte ihr das Foto.

Jetzt war es ganz eindeutig. Das, was ihr vorhin nur vage bekannt vorgekommen war, was nur eine flüchtige, kaum wahrnehmbare Vertrautheit gewesen war, stand klar und deutlich vor ihren Augen.

Die seltsame Haltung der beiden Körper, die mit­telalterlich anmutende Kleidung, das längliche Stück Holz, das zwischen den leicht geöffneten Beinen des Mannes lehnte.

Amber zog den Fotostapel zu sich heran, sah ihn durch, nahm einige Bilder heraus, legte den Rest weg. Dann ordnete sie die Fotos an, die sie herausgesucht hatte.

Eine Totalaufnahme des ersten Fundorts, die bei­de Leichen zeigte, dann je eine Großaufnahme der männlichen und der weiblichen Leiche. Eine De­tailaufnahme des großen, seltsam geformten Holz­stücks.

»Was siehst du, was ich nicht sehe?«, fragte Chris.

Amber antwortete nicht. Sie legte eine Aufnahme des zweiten Fundorts unter die erste Fotoreihe. Dann zwei Detailaufnahmen. Vom Gesicht der Toten und von einem Zweig giftigen Oleander, der rechts neben ihrem Kopf positioniert war.

Ja, es war klar und deutlich.

Sie sah Chris an. Ihren Ex-Kollegen Detective Chief Inspector Christopher Walmsley von der Lon­doner Metropolitan Police.

»Love Among The Ruins«, sagte Amber und zeigte auf die obere Reihe Fotos.

Dann tippte sie mit dem Zeigefinger auf eines der Fotos der jungen Frau in Orange. »Und das ist Fla­ming June.«

»Ich verstehe nicht.«

Amber deutete auf Chris’ Tablet, das neben den Akten, die er mitgebracht hatte, auf dem Esszimmer­tisch lag. Er reichte es ihr, sein Blick immer noch ein einziges Fragezeichen.

Sie rief eine Internet-Suchmaschine auf und öffne­te zwei Browsertabs. Als sie die gewünschten Sucher­gebnisse hatte, legte sie das Tablet auf die Tischplat­te.

»Der Mörder stellt viktorianische Gemälde nach.« Sie deutete auf die Totalaufnahme des toten Pär­chens. »Love Among The Ruins wurde von Edward Burne-Jones gemalt.« Ihr Zeigefinger wanderte ein wenig tiefer. »Flaming June ist das wohl bekannteste Werk von Frederic Leighton.«

»Gemälde?« Chris griff nach dem ersten Fundort­foto und hielt es direkt neben sein Tablet, dessen Bildschirm eine Abbildung von Love Among The Ruins zeigte.

Die Ähnlichkeit ist wirklich unverkennbar, dass ich das nicht gleich gesehen habe. Er musste mir erst June zeigen.

»Siehst du die Details? Das Stück Holz, das der Mann zwischen den Knien hält, soll dieses Musikin­strument hier darstellen. Ihr Kleid hat das gleiche leuchtende Blau.« Amber unterbrach sich, hob das Foto dicht vor ihr Gesicht und kniff die Augen zu­sammen. »Oder eher der Stoff, in den sie einge­wickelt ist. Wenn ich das richtig sehe, ist das gar kein Kleid?« Sie sah Chris fragend an.

Der nickte. »Die Kleidungsstücke sind in allen drei Fällen einfach nur große Stücke Stoff, die kunstvoll um die Körper drapiert worden sind.«

»Wie hat der Täter es geschafft, die Leichen in die­se Positionen zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie auch so arrangiert bleiben?«

Chris zog eine der Aktenmappen zu sich heran und entnahm ihr weitere Fotos. »Durch ein kompliziertes System aus Holzstäben und Drähten, die er an den Leichen befestigt hat. Ihre Hände sind mit einem durchsichtigen Nylonseil zusammengebunden wor­den, damit sie um seinen Hals liegen bleiben. Und die Augen sind offen, weil er die Lider mit Sekundenkle­ber festgeklebt hat.«

Ich habe ja schon viel gesehen, aber das hier übertrifft wirklich alles.

Amber starrte die Fotos an, die Chris vor ihr aus­gebreitet hatte. Der Täter musste diese bizarren Tab­leaus, in denen er seine Opfer inszeniert hatte, minu­tiös geplant haben. Eine Aufgabe, die sehr viel Zeit und Mühe, aber auch Herumprobieren erfordert ha­ben musste.

Wer tut so etwas? Und warum?

»Du verstehst sicher, warum wir diesen Täter so schnell wie möglich fassen wollen?«

So schnell wie möglich fassen müsst, korrigierte Amber in Gedanken ihren Ex-Kollegen.

Sie blickte von den Fotos auf, sah Chris direkt in die ernsten Augen.

»Weil er es nicht bei diesen drei Morden belassen wird. Dieser Mörder wird weitermachen. Er hat das, was er tut, schon viel zu sehr perfektioniert, um jetzt aufzuhören.«

Amber stand auf und trat ans Fenster. Der Tag war grau und wolkenverhangen, doch der Garten hinter ihrem Haus war ein Farbenmeer. Ein kleines Stück vom Paradies in ihrem sonst so trüben Alltag. Ihr Rückzugsort.

»Ich will wirklich nicht in diese Sache hineingezo­gen werden«, sagte sie leise, Chris immer noch den Rücken zuwendend.

Ihr Blick glitt über die leuchtend pinken Fuchsien, weiter zu den tiefroten Beeren des Feuerdorns, den strahlend gelben Ringelblumen und dem Teppich aus blauen Ballonblumen. Dazwischen der sattgrüne Ra­sen.

Es hatte viele Wochen intensiver täglicher Arbeit gekostet, bis ihr Garten so geworden war, wie sie ihn sich gewünscht hatte. Davor hatte er lange Zeit brachgelegen. Dann hatte ihr die Gartenarbeit bei der Bewältigung ihrer Trauer geholfen.

Nicht, dass ich nicht mehr trauern würde. Wahr­scheinlich werde ich den Rest meines Lebens trau­ern. Aber immerhin fühle ich mich nicht mehr so, als könnte ich keine Luft mehr bekommen. Immerhin kann ich wieder atmen.

Doch im Moment fiel ihr das Atmen schwer. Das Wissen, dass ein Serienmörder junge Menschen töte­te, um dann mit ihren Leichen Gemälde nachzustel­len, drückte wie ein Felsblock auf ihre Brust.

Amber lehnte die Stirn gegen die Fensterscheibe und schloss die Augen. Genoss einen Moment lang die Kühle des glatten Glases an ihrer Haut.

Ich will damit nichts zu tun haben. Mit der Ge­walt, dem Schmerz. Ich will einfach nur meine Pflanzen gießen und alles andere vergessen.

Ein anderer Gedanke drängte sich in den Vorder­grund, eine Frage, die sie Chris bislang noch gar nicht gestellt hatte, weil sie zu sehr von der Erkenntnis eingenommen gewesen war, dass der Mörder Gemäl­de nachbildete.

Sie drehte sich um.

Chris saß ruhig auf seinem Stuhl und sah sie ein­fach nur an.

»Wie hat er sie umgebracht?«

Die Gesichter der Leichen hatten völlig unversehrt ausgesehen. Keine Einblutungen in den Augen, keine Verätzungen der Lippen oder Mundwinkel.

»Es hat eine Weile gedauert, bis der Gerichtsme­diziner daraufkam. Die Körper waren äußerlich voll­kommen unbeschadet. Als der toxikologische Befund negativ war, hat er auf Insulin getestet.«

Insulin, natürlich. Sauber und unauffällig.

Langsam ging sie zu ihrem Stuhl zurück und setzte sich. »Er hat ihnen eine Überdosis Insulin injiziert?«

»In den Bauchnabel«, bestätigte Chris. »Darum wurde bei der Autopsie der Einstich nicht sofort ge­funden.«

Amber klopfte mit dem Zeigefinger gegen die Tischkante. »Er wollte, dass die Opfer keinerlei An­zeichen eines gewaltsamen Todes aufweisen.« Sie wischte über das Display des Tablets, rief erst Love Among The Ruins, dann Flaming June auf den Bild­schirm. »Er wollte, dass sie aussehen, als seien sie noch lebendig. Oder als würde June nur schlafen und jeden Moment wieder aufwachen.«

»Damit könntest du recht haben.«

Amber schob das Tablet von sich weg und lehnte sich zurück. Drehte den Kopf, sah zum Fenster. Ihren Garten konnte sie von hier aus nicht sehen. Aber sie sah ihn in seiner ganzen Farbenpracht vor ihrem geistigen Auge. Meinte, den Duft des feuchten Grases zu riechen und das Summen der Bienen an einem sonnigen Sommertag zu hören.

Wenn du dich auf diese Sache einlässt, wirst du so schnell keinen ruhigen Sommertag mehr haben.

»Genau deswegen hätte ich dich wirklich gerne im Team«, sagte Chris mit leiser Stimme. »Wir hatten überhaupt keine Ahnung, warum der Täter die Opfer so arrangiert haben könnte. Wir haben uns alle die Köpfe zerbrochen, was diese seltsamen Posen bedeu­ten sollten. Du hast es mit einem Blick erkannt. Das wird unsere Ermittlungen bereits einen riesigen Schritt voranbringen.«

Voranbringen? In welche Richtung?

»Ich wüsste nicht, wie …«

Chris legte eine Hand auf Ambers Unterarm und unterbrach sie. »Du siehst Dinge, die andere nicht sehen. Das war schon immer so. Du hast einen un­glaublich guten Instinkt, kannst dich in andere hin­einversetzen, in ihr Denken, ihr Fühlen, ihre Motiva­tion.«

Wie oft habe ich mir schon gewünscht, ich könnte das nicht. Mein Leben wäre so viel leichter.

Sie wandte sich wieder zu Chris um. Sah den Blick in seinen Augen.

»Wir brauchen dich«, sagte er leise. »Dringend.«

Ja, damit hat er wohl recht.